Internationale Surrealismus Ausstellung 1938 und die Welt der Objekte

Die weitere Entwicklung im Werk Paalens führt die holistische Idee eines biologisch-evolutionär-physikalisch-kosmologischen Kontinuums, in der sich der menschliche Organismus entfaltet, konsequent fort. Die visuellen Verbindungselemente der auseinanderfallenden Wirklichkeiten sind für ihn die gefühlsmäßigen Ähnlichkeiten und tiefen Entsprechungen, die er vor allem in seinen Objekten zum Thema macht. Anders als im klassischen surrealistischen Objekt, in dem die Unvereinbarkeit und das bewusst sinnlose Auseinanderfallen von Bedeutungen als Vexierspiel zelebriert wird, versucht Paalen verdeckte Zusammenhänge im scheinbar Entgegengesetzten zum Leben zu bringen.

“(…) In der ältesten Sprache wie im Ursprung allen Denkens gibt es keine Gegenüberstellung von Gegensätzen, sondern (durch die Abwesenheit eines abstrakten Konzepts ausschließlicher Bedeutung) nur ein Konzept von Entsprechungen; das heißt ein Konzept, das aus der Unfähigkeit resultiert einen Begriff ohne seine Entsprechung zu formulieren, eine Entsprechung, die sich später zu einem Gegensatz entwickelte. (…) Tatsächlich kann durch den Begriff seiner Existenz kein wirkliches Ding als gegensätzlich zu anderen aufgefaßt werden; wenn nicht, was wäre dann zum Beispiel das Gegenteil eines Apfels?”

Wolfgang Paalen, The Dialectical Gospel, in: DYN No. 2, Mexiko (July-August) 1942, S. 56 (deutsch von Andreas Neufert)

Zusammen mit Marcel Duchamp, Man Ray und Salvador Dali ist Paalen 1937/1938 unter den verantwortlichen Gestaltern der Ausstellung Exposition Internationale du Surréalisme in der Galerie Beaux-Arts in Paris. Er installiert darin einen echten Seerosenteich, genannt Avant la mare, mit Schilf, Seerosen, Efeu und Wasser in einer, mit Plastiktuch ausgefüllten Bodenfalte und lässt den gesamten Boden der Ausstellungsräume, inspiriert von einem eigenen Werk Le sol de la forêt von 1933, mit nassem Laub und feuchter Erde aus dem Friedhof Montparnasse bedecken. Die Puppe, die Paalen dekoriert und Man Ray, Denise Bellon u.a. im Foto festhielten, wirkt mit ihrem Seidentuch, der riesigen Fledermaus über dem Kopf und dem schaurigen, pilzbesetzten Blätterkleid, wie eines der kaum sichtbaren, schwebend dahingleitenden totemistischen Feenwesen aus seinen, mit Fumage und Öl gemalten Bildern, die er im Mai desselben Jahres in der Surrealistengalerie Renou et Colle zeigte. André Breton, selbst auf Reisen nach Mexiko, schickte von den Bermudas einen Text zu der Ausstellung, der mit den Worten begann: „Ein Gittertor dreht sich, das ist das Reich von Paalen. Die große Pappelallee seines Inneren führt in den Abgrund der Kindheit mit den Bildern der Angst“, und zielte damit auf den Kern der Emotion, mit der Paalen inmitten des vorherrschenden Kontextes erotischer Projektionen über die Rolle der Angst als Tor zu der Welt der Einheiten gefühlsmäßiger Ähnlichkeiten, in der seiner Auffassung nach die Trennungen zwischen den Realitäten aufgehoben sind, ein neues Kapitel der Recherche surréaliste aufschlagen wollte. Paalen beteiligte sich auch an der Ausarbeitung des Katalogbuches Dictionnaire abrégé du surréalisme, in dem sein wichtigstes und bekanntestes Objekt Nuage articulé diskret als Zeichnung angekündigt wurde. Die jüngste Forschung konnte zeigen, dass Paalen enormen Einfluss auf die Gestaltung der Haupthalle in der Ausstellung hatte, wobei einige Historiker vorschlagen, die gesamte Installation, einschließlich Duchamps, mit leeren Kohlensäcken bedeckte Decke, drücke einerseits die bedrohte Lage des Surrealismus an sich, gespiegelt in der unmittelbaren Kriegsbedrohung aus, andererseits aber auch eine Art übergroße Gebärmutter als Vademecum gegen die tieferen Gründe für die Krise, die in den paternalistischen Fixierungen der gesamten Epoche lägen. Insbesondere Paalens Biograf Andreas Neufert vertritt die letztere Lesart und sieht in der Installation ein Symptom für eine ideologische Verschiebung innerhalb des Surrealismus, weg von Sigmund Freuds rigider Theorie des Ödipus-Komplexes hin zu Ideen um Otto Ranks Theorie vom Geburtstrauma und seiner Anerkennung der emotionalen Natur des Kindes und seiner Mutterbindung, die zu dieser Zeit im Surrealismus allein Paalen und seine Frau Alice Rahon vertraten, in der Folge jedoch weitere Kreise zogen. Leidenschaftliche Anhänger solch matrizentristischer Theorien waren u.a. Benjamin Péret, Remedios Varo, Leonora Carrington, Jackson Pollock und Mark Rothko.

Die erotischen Konnotationen von Nuage articulé mit seinem Naturschwamm besetzten Regenschirm als wirkungsintensiver und doch versteckt korrespondierender Gegensatz (Blüte als weibliches Geschlecht mit phallischem Stempel; Schwamm als Metapher für Naturkraft, als weibliches Utensil, das weibliche, nackte Haut reinigend berührt hat; Schirm als maskulines Symbol bürgerlicher Ordnung und Abwehr von Naturkräften etc.) verhalf Nuage articulé schnell zu hoher Anerkennung unter den Surrealisten und ihrem wachsenden Publikum. Geo Dupin, Paalens Schwägerin, Händlerin und Assistentin bei der Gestaltung der Objekte, erinnert sich, dass Alfred Barr von Paalens Objekt hingerissen war und es nur nicht für das Museum of Modern Art in New York ankaufte, weil es für den Transport zu fragil und groß war. Nuage articulé wurde später in einen mehr politischen Kontext gestellt und im London Bulletin zusammen mit einem Text von André Breton publiziert, den Samuel Beckett übersetzt hatte. Unter der Abbildung stand der Kommentar: „Ein Schwamm-Regenschirm an einen anderen Schirm erinnernd, der es zu trauriger Berühmtheit gebracht hat“. Der aufgerollte Schirm des britischen Premierministers Neville Chamberlain, den dieser während der demonstrativ einvernehmlichen Presseauftritte mit Adolf Hitler trotz strahlendem Sonnenschein ständig mit sich führte, war vor allem in der englischen Öffentlichkeit zu einer Art Symbol des erfolglosen Appeasements stilisiert worden. Neben Nuage articulé, von dem zwei Versionen erhalten sind (Nuage articulé I  (ex Sammlung Geo Dupin, Paris, heute Moderna Museet, Stockholm), und Nuage articulé II, von Paalen für die Internationale Surrealismusausstellung in Mexiko-Stadt 1940 neu ausgeführt (ex Sammlung Ines Amor, Mexiko-Stadt, heute Privatsammlung, Berlin)  stellte Paalen noch andere Objekte aus, z.B. Potence avec paratonnerre, ein überlebensgroßer Holzgalgen mit Blitzableiter und einer Widmungsplakette an Georg Christoph Lichtenberg, Le moi et le soi und Chaise envahie de lierre. Überregional bekannt wurde u.a. auch Paalens Objekt Le genie de l´espèce, eine aus Geflügelknochen gefertigte Duellpistole, in der Mittel und Zweck in eins fallen.

Auf Empfehlung Marcel Duchamps gab Peggy Guggenheim Paalen im März 1939 eine Einzelausstellung in ihrer Londoner Galerie Guggenheim Jeune. Duchamp war es auch, der Paalen dem New Yorker Galeristen Julien Levy empfahl: „Dear Julien, P. S. to my recent letter: Do you know Paalen’s work? I suppose that you have seen some reproductions. Among the young Surr[ealists]’s he ought to come out – he paints scenes ‚for‘ a sorcerer (you never see the witches). All this to hope that you might show him in N.Y.“, schrieb Duchamp an Levy bereits im Januar 1939. Im März sandte er eine Einladung mit der Notiz: „In London with Mary (Reynolds) for a few days – Just came to see the last day of Paalen’s show – His ‚sorcelleries‘ look real on the walls – Hope you try them in N.Y.“ Julien Levy zeigte ein Jahr darauf im März 1940 in seiner neuen Galerie in der 15 East 57th Street mit großem Anklang bei der Presse Paalens surrealistische Bilder aus Paris und einige neue Papierarbeiten aus Mexiko.

 

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Together with Marcel Duchamp, Man Ray and Salvador Dalí, Paalen was among those responsible for the design of the 1938 International Exhibition of Surrealism at the Palais des Beaux Arts in Paris, where he produced a floor, with dead leaves and mud from the Montparnasse Cemetery, and an installation named Avant La Mare, consisting of an artificial pond with water, real water-lilies and reeds, beneath Duchamp’s ceiling of empty coal sacks. The doll Paalen decorated, with her silk scarf, big screaming bat above her head, and eerie leaf dress covered with mushrooms, resembled the scarcely visible, hovering and gliding totemistic fairy creatures of his paintings. He also participated in the editorial of the catalogue, published as Dictionnaire abrégé du Surrealisme to the show, in which his most famous object, Nuage articulé, was discreetly announced as a drawing. Recent research suggests that Paalen had a huge influence on the design of the exhibition’s Great Hall. Other critics suggest that the entire installation was meant to imply the minatorial situation of the Surrealist group itself, reflected by the approaching war, as well as a huge mother´s womb as vade mecum to fight the causes of the crisis, which were located in the paternalistic fixations of the whole epoch. Paalen´s biographer Andreas Neufert, in particular, suggests the latter reading and sees the installation as a symptom of an ideological shift within Surrealism, away from Freud´s rigid theory of the Oedipus complex to ideas centred on Otto Rank´s theory The Trauma of Birth, with its recognition of the emotional nature of the child and its ties to the mother. This latter theory was represented and defended exclusively by Paalen and his wife Alice Rahon in this period.

The erotic connotations of Nuage articulé, with its umbrella covered with natural sponges, embodied a dynamic sense of contradiction: bloom with stalk; sponge as symbol of nature, as a feminine utensil, which touched and cleaned naked female skin; umbrella as a masculine symbol of order and protection from natural forces. It thus became widely recognized among the Surrealists and their growing public. Geo Dupin, Paalen´s sister-in-law, remembered that Alfred H. Barr, Jr. had been extremely taken with Paalen´s object and had chosen not to buy it, for the Museum of Modern Art in New York, only because it was too fragile and difficult to transport. Nuage articulé was published later in a more political context in the Surrealist magazine London Bulletin, together with a text by André Breton translated by Samuel Beckett with a comment that the sponge-umbrella would bring to mind another, sadly prominent, umbrella – that of Neville Chamberlain at the 1938 Munich Conference and the failure of the British policy of appeasement. Besides Nuage articulé, of which two versions are known and preserved. Paalen exhibited other objects: Potence avec paratonnerre, a gibbet with lightning-rod, dedicated to 18th-century German philosopher and scientist Georg Christoph Lichtenberg and Le moi et le soi. It was Marcel Duchamp who recommended Wolfgang Paalen to Peggy Guggenheim. She gave Paalen two shows, one in March 1939 in her London gallery Guggenheim-Jeune, and another 1945 in The Art of This Century gallery in New York.

 

 

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